„For an Invisible People, Camera Would be Their Weapon” – Vortrag und Diskussion mit Mohannad Yaqubi und Irit Neidhardt

Im Rahmen des ALFILM Specials zu 70 Jahren Nakba fand am Dienstag eine Lecture im Studio des Wolf Kinos statt. Regisseur und Produzent Mohannad Yaqubi gab in seinem Vortrag mit dem Arbeitstitel „Chronology of Dissapearence“ einen Einblick über das Verschwinden des palästinensischen Volkes von der Bildfläche. Politikwissenschaftlerin Irit Neidhardt sprach in ihrem Vortrag „On Solidarity and Dependency – The beginnings of PLO-GDR filmmaking in the 1970s“ über das Verhältnis der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) zur DDR. Künstlerischer Leiter des ALFILM Festivals Fadi Abdelnour begrüßte die beiden herzlich und gab eine kurze Einführung in das Thema, bevor die beiden Referenten das Wort ergriffen.

 

© Emelie Kucharzik

 

Den Beginn des sukzessiven Verschwindens der Palästinenser markiere, so Mohannad Yaqubi, die Festlegung Jerusalems als Zentrum der christlichen Welt. Um dies zu verdeutlichen, zeigte er dem Publikum das bekannte Bild des christlichen Theologen Heinrich Bünting aus dem Jahr 1581, in dem die Welt als ein Kleeblatt dargestellt ist, dessen Zentrum die heilige Stadt Jerusalem bildet.

Eine erste filmische Aufnahme sei 1896 durch die Lumière Brothers entstanden, die einen aus Jerusalem hinausfahrenden Zug filmten. Eine entscheidende Rolle im Prozess, Palästina auf die Leinwand zu bringen, habe die Kirche gespielt. Diese habe versucht, ihr in die Jahre gekommenes Image durch Film und Fotographie Produktionen zu überholen – das heilige Land als Motiv sei hoch im Kurs gestanden.

Den beträchtlichsten Einfluss auf das Verschwinden des Palästinensischen Volkes von der Bildfläche hätten laut Yaqubi die modernen Technologien geleistet, die auch vor Palästina keinen Halt gemacht hätten. Für viele Menschen aus dem Westen hätten diese modernen Maschinen allerdings nicht in die vermeintlich romantische Illusion des historischen, biblischen Palästinas gepasst. Yaqubi exemplifiziert dies an dem französischen Schriftsteller Pierre Loti, dessen anachronistischer, orientalistischer Vorstellung Palästinas ein fahrendes Auto gänzlich zuwidergelaufen sei. Grundsätzlich hätten moderne Technologien und westliche Kleidung der Palästinenser in Film und Fernsehen für große Verwirrung beim westlichen Publikum gesorgt. Obwohl eine moderne Gesellschaft evident gewesen sei, sei diese schlichtweg ignoriert worden.

1948 habe augenscheinlich einen Wendepunkt für die Palästinenser dargestellt. Zumeist gebe es, auch heute, nur Erinnerungen an die prä-1948 oder post-1948 Zeit – die Erinnerungen an 1948 selbst seien aber wie bei einem Trauma nur noch schemenhaft vorhanden. 1948 habe das Verschwinden der Palästinenser seinen traurigen Kulminationspunkt erreicht. In vielen Medien sei nicht einmal mehr von Palästinensern die Rede gewesen, sondern lediglich von arabischen Geflüchteten.

Um ein palästinensisches Narrativ zu regenerieren und Widerstand zu leisten, sei die Kamera als Waffe eingesetzt worden. Zu einem beliebten Motiv habe sich alsbald das Bild des Fida’is, eines palästinensischen Widerstandskämpfers, entwickelt. Die Zeitung The Times habe bald darauf „Who are the Palestinians?“ getitelt. Das Bild der entsprechenden Zeitung sei ein verhüllter Palästinenser gewesen, was abermals zu einer gewissen Mystifizierung des palästinensischen Volkes beigetragen habe. Indes habe es sich in Palästina und den angrenzenden Ländern Libanon, Syrien und Jordanien immer mehr zu einem Trend entwickelt, sich als Fida’i ablichten zu lassen.

Abschließend konstatiert Yaqubi, dass das palästinensische Volk heute vor der selben Frage wie 1948 stehe – Wer sind wir? Um diese Frage zu beantworten sei, so Yaqubi, eine vollständige Chronologie, ein holistisches Narrativ unabdingbar.

Irit Neidhardt berichtete in ihrem Vortrag über die Beziehungen der PLO und der DDR in den 1970er Jahren. Die PLO sei in den 1960er Jahren von der Arabischen Liga gegründet worden, 1974 von den Vereinten Nationen und kurz darauf von rund 100 Staaten als offizielle Vertretung des palästinensischen Volkes anerkannt worden. Die PLO sei nunmehr handlungsfähig gewesen und habe die Palästinenser auf internationaler Ebene repräsentiert. Man könne sich die PLO als eine Art Dachorganisation vorstellen, die quasi staatliche Strukturen in Form von Versteuerung und Rentenversicherungen angenommen habe. Es habe also Strukturen, ohne allerdings einen Staat zu haben, gegeben. Die palästinensische Befreiungsorganisation sei durchaus gut organisiert gewesen und habe in der DDR eine bedeutende Partnerin gefunden. Zu dieser Partnerschaft hätten gewisse Analogien zwischen DDR und PLO beigetragen, sagt Neidhardt. Auch die DDR sei international nicht vollkommen anerkannt, isoliert und marginalisiert gewesen. Die BRD habe es als einen Affront empfunden, wenn andere Staaten Abkommen mit der verfeindeten DDR unterzeichnet hätten und habe mit dem Entzug aller finanziellen Unterstützungen gedroht. Nichtsdestotrotz hätten 5 Staaten, Irak, Syrien, Ägypten, Algerien und der Kongo, mit der sogenannten Hallstein Doktrin gebrochen. Sodann hätten auch rund weitere 100 Staaten die DDR anerkannt, die 1973 schließlich einen Sitz in den Vereinten Nationen erhalten habe. Die DDR habe nun dringend Kooperationen oder Abkommen gebraucht, die sie auf internationaler Ebene stark hätten repräsentieren können. Vor allem zu Syrien habe die DDR intensive Beziehungen gepflegt. Gleichzeitig habe sich in Syrien der Hauptsitz der DFLP sowie des Kultur- und Informationsministeriums der PLO etabliert. Letzteres habe unteranderem die Verantwortung für Filmaustausch und das Fernsehen getragen. Der Vorsitzende dieses Ministeriums sei der der Baath Partei angehörende Abdullah Hurani gewesen. Da Hurani durch seine Arbeit in Syrien die Arbeit mit und Strukturen der DDR gekannt habe, sei er einer der Hauptverantwortlichen für die engen Beziehungen der DDR und der PLO gewesen. Er habe genau gewusst, was die DDR brauche – insbesondere Geld in Form von Dollar. Zu Gunsten der DDR sei das Kulturministerium der PLO zu jener Zeit von der marxistisch-leninistischen Partei geführt worden, was die Beziehungen zusätzlich unterstützt habe. Schon bald darauf sei eine palästinensische Delegation in Berlin eingetroffen und habe zwei Interessen verfolgt. Man habe ein Co-Produktionsabkommen angestrebt und habe eigene Filmstudios eröffnen wollen – letztere seien aber nie erbaut worden. Der erste entstandene Film sei schließlich eine Archiv Kompilation gewesen, dessen Images aus dem staatlichen Film Archiv der DDR gestammt hätten. Die PLO habe durch ihren Vertrag mit der DDR Zugang zu sämtlichem Material bekommen, das allen anderen palästinensischen Organisationen bisher verwehrt geblieben sei. Dies habe der PLO die Möglichkeit gegeben, endlich ein eigenes palästinensisches Narrativ durch Film zu kreieren. Die DDR ihrerseits habe die Zahlungen der PLO erhalten, die sie dringend benötigte habe – außerdem habe das Verhältnis mit der PLO Zutritt und Beziehungen zu vielen weiteren arabischen Staaten geöffnet. Die Kooperation der PLO und der DDR habe sich aber schließlich nicht nur auf Film reduziert – während des Bürgerkrieges im Libanon im Jahr 1975 zum Beispiel, habe die DDR sogar eine entscheidende Rolle als Mediatorin zwischen den verschiedenen PLO Fraktionen gespielt.

Zum Abschluss zeigte Irit Neidhardt einen deutsch-palästinensischen Dokumentarfilm aus den 70er Jahren, der aus der Kooperation der DDR mit der PLO entstand. Dieser habe 1975 das Leipziger Dokumentarfilmfestival gewonnen.

9. ALFILM – Happily Ever After

© Katja Volkenant

Happily Ever After ist ein intimes Porträt der beiden Ägypter Nada und Ayman. Der Dokumentarfilm erlaubt durch die oftmals in den Hintergrund geratene Kamera ungewöhnlich tiefe und ehrliche Einblicke in die Beziehung der beiden. Gedreht wurde der Film während der Revolution in Ägypten und den darauffolgenden Ereignissen, wobei auch Nadas Beziehung zu ihren Eltern und ihre divergierenden politischen Ansichten thematisiert werden.

Nada und Ayman waren beide zur Vorführung des Films anwesend. Nada erzählte, dass die Idee des Filmes aufgekommen sei, als sie die Beziehung mit Ayman eigentlich beenden habe wollen. Der Film habe ein Versuch werden sollen, mit Ayman über ihre Beziehung sprechen. Als die beiden angefangen hätten, den Film zu drehen, hätten sie gemeinsam eruiert, was die Auslöser der Konflikte in ihrer Beziehung hätten sein können. Interessanterweise hätten beide relativ schnell festgestellt, dass es auch und vor allem die angespannte politische Situation in Ägypten und deren Einfluss auf das Leben der beiden war, die die Beziehung belastet habe.

 

© Christina Homburg

Auch im Film diskutiert wurde der Topos der Distanz in Form von physischer, emotionaler und geographischer Distanz. Exemplifiziert werden kann dies an Szenen, in denen Nadja die aktuelle politische Einstellung ihrer Eltern mit deren politischen Aktivismus in den 1970er Jahren kontrastiert. Es sei schwierig für die Eltern gewesen, den Film anzusehen, da Nadas politische Einstellung im Film sehr deutlich erkennbar wird. Trotz der im Film evidenten Kommunikationsprobleme hätten sie und ihre Eltern sich nach etwas Zeit und Reflexion wieder angenähert.

© Christina Homburg

Eine Zuschauerin fragte die beiden Regisseure nach der Schuld, die die beiden durch das Verlassen ihres Heimatlandes erfüllen könnte. Beide negieren diese Schuldfrage allerdings – Ayman erklärt, dass er sowieso nie beabsichtigt habe, langfristig in Ägypten zu leben. Er habe sich während der politischen Unruhen insbesondere auf seinen Universitätsabschluss konzentriert, der ihm zu diesem Zeitpunkt perspektivisch wichtiger gewesen sei. Er habe sich schlecht gefühlt, Ägypten genau zur Zeit der Revolution zu verlassen, jedoch habe er Prioritäten setzten müssen um den Film, den er eben jetzt präsentiert, vollenden zu können. Nada fügte hinzu, dass der Film eigentlich keinen Schulddiskurs habe eröffnen wollen. Vielmehr hätten persönliche Probleme und Herausforderungen akzentuiert werden sollen, vor denen Menschen stehen, wenn sie die Entscheidung treffen, ihr Heimatland zu verlassen.

Ein weiterer Zuschauer fragte die beiden, wie es mit ihrer Beziehung nun stehe? Ayman und Nada seien, so die beiden, mittlerweile sogar verheiratet und hätten mithilfe des Filmes neue Möglichkeiten gefunden, mit Problemen in ihrer Beziehung umzugehen.

Schließlich weist eine Person darauf hin, dass der Film auch Fehler diskutiere, die von der Generation Nadas und Aymans während der Revolution begangen wurden. Was genau waren diese Fehler? Ayman erzählt, dass einige Menschen während und nach der Revolution extrem überheblich und schließlich genauso undemokratisch wie die Leute, gegen die sie eigentlich demonstrierten, geworden seien. Nada ergänzte, dass es schwierig gewesen sei, all die Herausforderungen einer Revolution zu antizipieren, wenn man jedwede Erfahrung politischer Partizipation erst kennenlernen muss.

 

© Christina Homburg

Podiumsdiskussion „Of Men, Gender and Cinema – A Filmmaker’s Gaze“

Nach einem Vortrag zur Darstellung von Männlichkeit im arabischen Kino, hatten nun Regisseurin Eliane Raheb und die Regisseure Mohamed Soueid, Mohamed Hammad und Merzak Allouache die Gelegenheit, die Bilder von Männlichkeit in ihren Filmen gemeinsam zu diskutieren. Programmleiterin Claudia Jubeh leitete in die Podiumsdiskussion ein und betonte, dass es in der Konzeption des Spotlight Programmes zu Reflections on Arab Masculinities nicht um die gängigen Motive gegangen sei, die oftmals mit Migration und Geschlechterungleichheit zusammenhingen. Vielmehr habe ALFILM hinter die üblichen Stereotype blicken wollen und nach individuellen Geschichten von Männlichkeit gesucht.

 

© Carman Ho

 

Eine erste Frage richtete sich an Cinema Fouad Regisseur Mohamed Soueid im Bezug auf Zensur im Libanon. Soueids Film sei zunächst für das staatliche Fernsehen produziert worden, wobei dieses den Film verboten habe. Der Film ermutige junge Menschen zu Homosexualität, was im Libanon immer noch verboten sei und mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet werden könne. Die Zensur sei ein täglicher Wegbegleiter als Regisseur im Libanon, die viel Macht habe und Druck auf Kunstschaffende ausübe. Trotzdem habe es Soueid geschafft, den Film, getarnt als Seifenoper, außer Landes zu schaffen und schließlich dort zu zeigen. Zu der Protagonistin des Filmes habe Soueid leider keinen Kontakt mehr. Er habe zwar, über Prostitution bis hin zu Gefängnis, viele Gerüchte gehört, wolle aber keines so wirklich glauben.

Merzak Allouache berichtete daraufhin von seiner Vision des Omars in Omar Gatlato und in Madame Courage. Die Protagonisten beider Filme nennen sich Omar, aber sind Teil völlig verschiedener Generationen. Allouache sagte, dass er gewiss kein Soziologe sei und es ihm bei Omar Gatlato nicht vorrangig darum gegangen sei, einen Film über Maskulinität zu drehen. Er habe eigentlich schlicht einen Film über das Leben eines einfachen, jungen Mannes in seiner Nachbarschaft in Algiers drehen wollen. Er habe sich für einen Mann als Protagonisten entschieden, weil er das Leben als Mann und die darin implizierten Herausforderungen in Algerien kenne. Welche Schlüsse schließlich aus diesem Film gezogen werden, könne er nicht beeinflussen. Das sei die Arbeit und Aufgabe von Journalisten und des Publikums. Zwischen Omar Gatlato und Madame Courage lägen, so Allouache, 24 Filme. Viel Zeit um an Omar Gatlato zu denken, sei also nicht geblieben. Er betonte aber den Generationsunterschied der beiden Omars und, dass Omar Gatlato im Unterschied zu Omar in Madame Courage eher komödiantisch wahrgenommen worden sei.

Mohamed Hammad antwortete ähnlich wie Allouache auf die Frage, ob er sich bewusst für das Thema Geschlecht in seinem Film entschieden habe. Er habe in seinem Film Withered Green vornehmlich Themen wie Zeit oder der Einfluss von Religion diskutieren wollen, nicht aber Geschlecht. Dennoch spiele das Thema Geschlecht eine Rolle. Beispielsweise sei alles in Ägypten mit einem Mann verbunden, ob in der Religion in Form eines männlichen Gottes und Propheten oder durch sämtliche männliche politische Führer. Hammad stelle sich deshalb die Frage, ob man nicht eher in Menschlichkeit glauben solle, als an eine Religion oder eine Partei.

Eliane Rahebs Dokumentarfilme porträtierten häufig Maskulinität im Bezug zu Krieg. Ein häufiges Motiv sei der heldenhafte Kämpfer, der später allerdings als gefallener Held vor vielen Problemen stehe. Wie sucht Raheb nun die Männer für ihre Filme aus? Rahebt sagte, es gehe ihr nicht wirklich darum ob sie einen Mann oder eine Frau für ihre Filme auswähle. Es käme ihr viel mehr auf die individuelle Geschichte des Menschen an. Viele Männer hätten allerdings ihre Einstellungen hinsichtlich verschiedener in den Interviews befragter Themen geändert, nachdem sie sich auf einem Bildschirm gesehen hätten. Somit könnten Dokumentarfilme, so Raheb, auch einen positiven Effekt auf Einstellungen, beispielsweise zu Geschlecht, haben. Sie interessiere sich insbesondere, wie ihr zweiter Film Sleeples Nights zeige, für den Zusammenhang von Waffen und Männlichkeit. Eine andere, weniger brachiale Form von Männlichkeit zeige der Protagonist Haykal in Those Who Remain. Raheb akzentuierte, dass sich Männlichkeit bei Haykal anders manifestiere, nämlich durch Landarbeit oder den Bau eines Hauses und nicht durch Waffengewalt. Genau das habe sie fasziniert. In einem neuen Projekt wolle sie sich nun dem Thema der sexuellen Identität widmen. Sie fände es traurig, dass Homosexualität im Libanon immer noch verpönt sei. Komisch empfinde sie, dass die Homosexualität von Touristen völlig akzeptiert sei, Araber aber könnten nicht schwul sein.

 

Their Time Has Come: Representations of Masculinities in Arab Cinema – Ein Vortrag von Rasha Salti

Am Sonntag referierte Rasha Salti im Rahmen des Spotlights Reflections on Arab Masculinities zum Thema “Their Time Has Come: Representations of Masculinities in Arab Cinema.” Die zwischen Berlin und Beirut lebende Salti ist eine namhafte Kuratorin und Autorin, die unter anderem für das Haus der Kulturen der Welt in Berlin arbeitete.

In ihrer Recherche zur Vorbereitung auf den Vortrag habe sich Salti insbesondere auf Filme kapriziert, die nicht aus Ägypten stammen. Ägyptisches Kino sei bereits gründlich studiert worden – es bedürfe daher eher, Filme anderer arabischer Länder genauer zu betrachten. Zusätzlich habe sie Filme ausgewählt, die mit männlichen Stereotypen brechen und durch ihre Männlichkeitsrepräsentationen provozieren. Vier immer wiederkehrende Topoi habe Salti dabei eruieren können, die sie mit verschiedenen Filmbeispielen belegte.

Ein erstes klassisches im Film reproduziertes Bild des Mannes im arabischen Kino sei der politische/militärische Führer, der Befreier, General, Präsident oder König. Salti exemplifiziert dieses Motiv anhand des Films Stars in Broad Daylight von Osama Mohamed. Als einer der ersten Filme habe es der Regisseur gewagt, die Führungselite Syriens zu hinterfragen. Der Film sei allerdings bereits seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1988 verboten. Stars in Broad Daylight handele in Bezug auf Männlichkeitskonstruktionen von der Beziehung des Vaters zu seinen Söhnen und dessen Wunsch, die Söhne zu guten, richtigen Männern in seinem Sinne zu erziehen. Im Filmausschnitt, den Salti aufführte, sei das Mannsein vor allem mit dem Wunsch, ein guter Soldat zu werden, verbunden. In dieser Rubrik nannte Salti außerdem drei Filme, die die politische und militärische Führung in Marokko thematisierten – The End, Starve your Dog und Headbang Lullaby von Hisham Lasri. Salti konstatierte, dass der Arabische Frühling einen entscheidenden Wendepunkt dargestellt habe und die Ära der absoluten, uneingeschränkten Macht vieler Herrscher von 1970 bis 2011 abgeschlossen sei. Auch im Film habe dies nachhaltige Auswirkungen.

Ein zweiter Topos sei der des rechtschaffenen Bürgers, der stolz und aufrichtig handele. Ein Film, der dieses Motiv aufgreife, sei The Leopard von Nabil al-Maleh, der nebenbei angemerkt, einer der ersten Filme gewesen sei, der eine nackte Frau frontal gezeigt habe. The Leopard erzähle die Geschichte eines klassischen Robin Hood Charakters, der gegen die französischen Kolonialherren kämpfe und die Reichen ihres Besitzes bestehle. Der Protagonist unternehme dabei das richtige im Kampf gegen das System. Weitere Filme, die von aufrichtigen Helden erzählen sind Carnack von Aly Badrakhan oder The Man Who Was Watching Windows von Merzak Allouache. Dabei changiere die Person des rechtschaffenen Bürgers mit der jeweiligen gesellschaftspolitischen Situation. Derzeit seien vor allem junge, ambitionierte aber von der Arbeitslosigkeit und Stagnation frustrierte Männer im Film en vogue. Ein Beispiel hierzu ist der Film Death for Sale von Faouzi Ben Saidi aus dem Jahr 2011.

Eine gesonderte Betrachtung widmete Salti dem Motiv des Soldaten und des Krieges, da dies in arabischen Filmen häufig aufgegriffene Thematiken seien. Filme, bei denen Krieg und Soldatendasein mit der Darstellung von Maskulinität korrelieren, seien Little Wars (Maroun Baghdadi), Nights of the Jackass (Abdellatif Abdul Hamid), Sacrifice (Osama Mohamed), Wedding in Galilee (Michel Khleifi), Diary of a Male Whore (Tawfik Abu Wael) und Divine Intervention (Elia Suleiman).

Der letzte Topos, den Rasha Salti in ihrem Vortrag ausführte, ist der des männlichen Körpers, unterbewusster Begehren und Sexualität. Erwähnenswert sei hier der Film Man of Ashes von Nouri Bouzid, der das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern sehr offen diskutiere. Auch die Problematik des Sextourismus greife Bouzid in einem seiner Filme, Bezness, auf. Weitere Filme, die zu dieser Kategorie zählten, seien Dreams oft he City (Mohammad Malas), My Wife and the Dog (Said Marzouk), Verbal Letters (Abdellatif Abdul-Hamid) und The Closed Doors (Atef Hetata). Eine begrüßenswerte Entwicklung sehe Salti in offenen Darstellungen von Homosexualität und des queerings des männliches Körpers. Homosexuelle seien zwar schon immer Bestandteil des arabischen Films gewesen, aber bisher immer in pejorativer Weise. Sie freue sich daher über Filme wie Cinema Fouad (Mohamed Soueid) oder Majnounak (Akram Zaatari), die beide auf dem diesjährigen ALFILM Festival gezeigt wurden. Erwähnenswert seien zudem The Sea is Behind (Hisham Lasri), Much loved (Nabil Ayouch) und Salvation Army (Abdalla Taia).

In ihrer Zusammenfassung hielt Salti abschließend fest, dass sich die im Film reproduzierten Bilder arabischer Männlichkeiten in einem irreversiblen Wandel befänden. Einen eklatanten Beitrag hierzu hätten die gesellschaftspolitischen Veränderungen seit 2011 geleistet.

9. ALFILM Festival Party – Dance Habibi Dance

© Katja Volkenant

Die diesjährige Festival Party Dance Habibi Dance fand im Al-Hamra im Berliner Prenzlauer Berg statt. Die Fusion aus traditionellen arabischen Liedern mit Techno lockte die Feiernden schon bald auf die Tanzfläche. Für alle war an diesem Abend etwas dabei und selbst die, die nur gemütlich einen Drink zu sich nehmen wollten, vermochten im Al-Hamra eine ruhige Ecke zu finden. Bis zum frühen Morgen tanzten und feierten Festivalbesucher, das ALFILM Team, Regisseure und Schauspieler zusammen. Am nächsten Tag starteten alle, manche mehr manche weniger fit, gemütlich zusammen bei einem Brunch im Wolf Kino in den Sonntag.

 

Trevor Lischka
© Katja Volkenant

 

For the second act DJ Hilwi took over the decks. She played a wide variety of music from the middle-east, north Africa and south Asia. She kept the energy going and the crowd dancing late into the night.

 

© Katja Volkenant
Trevor Lischka
© Katja Volkenant
Trevor Lischka
Trevor Lischka
Trevor Lischka

 

 

Withered Green mit dem ägyptischen Regisseur Mohammed Hammad

Am Sonntagabend zeigte das ALFILM Festival den neuen Film Withered Green des jungen ägyptischen Regisseurs Mohammed Hammad. Hammad ist einer der aufstrebenden Filmschaffenden des ägyptischen Independent Kinos. Der Film hatte seine Premiere beim Locarno Festival und erhielt im Dezember 2016 beim Dubai Filmfestival einen Preis.

© Katja Volkenant

Nach dem Tod der Eltern lebt Iman mit ihrer jüngeren Schwester Nuha in einem tristen Apartment in Kairo. Die Atmosphäre, die der Film verbreitet ist, wie das Verhältnis der beiden Schwestern, sehr kühl. Der ruhige Film zeichnet den Alltag der melancholischen Iman, die gefangen ist zwischen den Pflichten als ältere Schwester und den Veränderungen ihres eigenen Körpers. Die jüngere Schwester Nuha steht kurz vor der Verlobung mit ihrem Geliebten, Amr. Doch die Tradition verlangt die Anwesenheit eines männlichen Verwandten beim Verlobungsritual. Da der Vater der beiden Schwestern verstarb und sie der übrigen Familie nicht sonderlich nahestehen, muss sich Iman Onkel Fathy vorsichtig annähern, um die Verlobung Nuhas nicht zu gefährden.

 

© Katja Volkenant

Withered Green lief beim ALFILM Festival nicht nur im Rahmen der Official Selection, sondern war ebenso Teil des Spotlights Reflections on Arab Masculinities. Aus diesem Grund interessierte Moderator Rabih El-Khoury vor allem die Idee, die hinter dem Film stecke. Hammad schilderte, dass er im Laufe der Zeit verschiedene Menschen kennengelernt habe, die alle einen gewissen, einzigartigen Charakterzug gehabt hätten. Er habe eine Person, später Iman, schaffen wollen, die all diese Charakterzüge in sich vereint. Es sei als Regisseur wichtig, so Hammad, vielen Menschen in verschiedenen Kontexten zu begegnen – je mehr Begegnungen, desto mehr Geschichten. Neben der Thematisierung des Konzeptes der Zeit habe Hammad verschiedene Symboliken und deren gesellschaftliche Bedeutung in den Film aufnehmen wollen. Er habe sich beispielsweise die Frage gestellt, welche symbolische Rolle der Onkel einnehme, beziehungsweise welche Symbolik ihm die Gesellschaft als Mann zuteile. Hammad habe sich zugegebenermaßen eher weniger für das Thema Gender interessiert. Er finde es sogar schwierig, den Film als feministisch zu rubrizieren. Dass die beiden Protagonistinnen Frauen sind, heiße nicht zugleich, dass der Film geschlechtsspezifische Themen aufgreife.

Die Hauptdarstellerin, die keine professionelle Schauspielerin gewesen sei, habe Hammad durch Zufall kennengelernt. Die Bankangestellte habe über einen Karrierewechsel nachgedacht und habe im Kunstbereich tätig werde wollen. Hammad habe sie in der Rolle der Iman gesehen und sie schließlich dazu überredet, beim Film mitzuspielen.

Abschließend sprach Hammad über seine Arbeit als Regisseur mit nur sehr begrenztem Budget. Er habe diesen Weg bewusst gewählt – Fonds empfinde er als kapitalistisch und einschränkend, was den gesamten Prozess des Filmedrehens betreffe. Er träume von Film als einer Kunst, wie sie zum Beispiel Straßenkünstler betreiben, unabhängig und in gewisser Weise anonym. Je kleiner das Budget dabei gewesen sei, desto mehr habe sich der Film an seine jeweilige persönliche Vision angenähert. Ein großes Budget hingegen beraube den Regisseur seiner Verve und seines Geistes.

9. ALFILM – Shorts Programm 3 – (De)constructed Realities

© Christina Homburg

Das Kurzfilmprogramm (De)constructed Realities zeigte verschiedene Co-Produktionen libanesischer und deutscher Regisseure. Die Robert Bosch Stiftung vergibt jedes Jahr Preise und organisiert verschiedene Veranstaltungen, um diese Kollaborationen zu unterstützen. Zwei Filme des Kurzfilmprogramms waren ehemalige Gewinner des Preises der Robert Bosch Stiftung – The Last Days of the Man of Tomorrow und Tshweesh.

The Last Days of the Man of Tomorrow handelt von einem gigantischen Roboter, der dem libanesischen Volk von Charles de Gaulle vorgestellt wird, offenbar als Erinnerung an deren Unabhängigkeit. Der Roboter, genannt „le nouvelle homme“ – der neue Mann – ist allseits beliebt, doch nimmt die Geschichte des Roboters, der mit seiner Vergangenheit kämpft, schon bald eine tragische Wende.

© Christina Homburg                                                                                                                               

Eine Person aus dem Publikum fragte, wie es zu der Idee des Roboters gekommen und wie er letztlich im Film gelandet sei. Der Regisseur erzählte, dass das Skript ursprünglich für einen Komik geschrieben worden sei. Sie hätten aber niemals erträumt, dass dieser Roboter Teil eines Filmes hätte werden können. Damals hätten sie noch gedacht, dass der Roboter hätte Computer animiert werden müssen. Letzteres sei sogar getestet worden, aber habe nicht den Vorstellungen entsprechend funktioniert. Daraufhin hätten sie einen Experten für Special Effects aus Deutschland getroffen, der begeistert von dem Projekt gewesen sei und seine Hilfe sofort angeboten habe. Schon bald habe es dann die Möglichkeit gegeben, den Roboter mit in die Stadt zu nehmen und die Reaktionen der Menschen zu beobachten – außerdem habe der „reale“ Roboter dem Filmteam die Möglichkeit gegeben, mit vertrauten Filmtechniken zu arbeiten.

Eine weitere Frage versuchte die ursprüngliche Idee, einen Roboter und die Geschichte des Libanons zu verbinden, zu ergründen. Der Regisseur schilderte, dass sein Roboter von japanischen Anime Robotern inspiriert sei, die im Libanon relativ populär seien. Obwohl er Science Fiction liebe, hänge dieses Gerne, so der Regisseur, doch eng mit westlichen Werten und Werten der Industrialisierung zusammen. Der Roboter spreche eigentlich französisch, doch nachdem ihm Kaffee übergeschüttet wird, fängt er schon bald an, arabisch zu sprechen. Dies sei eine typisch libanesische Erfahrung, Dinge einfach selbst laienhaft zu reparieren, anstatt Experten zu konsultieren.

Tshweesh ist ein surrealer und ungewöhnlicher Film, dessen Protagonistin die Hauptstadt des Libanons, Beirut ist. Tshweesh blickt von oben auf die Stadt herab – Hochhäuser, Dächer, Stromkabel, Wäscheleinen und alte TV-Schüsseln prägen die Szenerie des Filmes. Gleichzeitig läuft im Fernsehen die Fußballweltmeisterschaft, doch scheint der Empfang durch eine unbekannte Störung unterbrochen zu sein. Kurz darauf wird die Stadt von Luftangriffen erschüttert, Bewohner fliehen in ihre Häuser. Tshweesh sei, so Regisseurin Feyrouz Serhal, ein onomatopoetisches Wort, dass Störung bedeute. Der Film blicke dabei auf verschiedene Störungen, ob in Form der Fernsehstörung oder der Störung durch Bomben. Die Situationen in den Filmen beruhten auf persönlichen Erfahrungen, die die Produzenten in Beirut in den 1980er Jahren und 2006 durchlebten. Auch die Zusammenarbeit mit einer deutschen Crew sei problemlos von statten gegangen, da die sie Beirut bereits sehr gut gekannt hätten.

 

© Christina Homburg

The Street of Death erzählt die Geschichte einer Straße an der Küste Beiruts, an der viele junge Menschen verweilen, Motorrad fahren und oft Hahnenkämpfe austragen. Der Erzähler zeichnet im Film das Aufwachsen und seine persönlichen Erfahrungen an der besagten Straße. Ob die erzählten Geschichten reine Fiktion sind oder doch den Tatsachen entsprechen, lässt sich nur schwer feststellen. Der Film ist teilweise als Dokumentarfilm konzipiert, teilweise eine Autobiographie einer unbekannten Person, die dort aufwuchs. Der Regisseur erzählt, dass der Dreh ein relativ langwieriger Prozess gewesen sei – so habe er beispielsweise ganze zwei Wochen von einem Punkt aus das Geschehen auf der Straße gefilmt.

© Christina Homburg

The Shield That I Carry im Shorts Programm 2 – Lebanon: Wild at Heart

© Leena Kwideer

Im Rahmen des Kurzfilmprogramms Lebanon: Wild at Heart wurde gestern der Film The Shield that I Carry von Regisseurin Basma Farhat gezeigt. Produzentin und Schwester der Regisseurin, Hiba Farhat, wohnte der Vorstellung bei. Der Film diskutiert die verschiedenen Meinungen der Familienmitglieder Basmas zum Tragen des Hijabs. Als sie bei einem Vorsprechen für eine Filmrolle ein Kopftuch tragen muss, entscheidet sie sich, dieses für eine Zeit weiter zu tragen, um zu sehen, wie sie sich fühlt. Viele Familienmitglieder sind überglücklich, Basma endlich mit Kopftuch zu sehen und ermutigen sie – sie selbst fühlt sich allerdings sichtlich unwohl. Anhand verschiedener, kurzer Interviews erfährt der Zuschauer, wie polarisierend diese Thematik sein kann.

© Leena Kwideer

Auf die Frage hin, wie die Idee des Filmes zustande gekommen sei, antwortet Farhat, dass ihre Schwester eigentlich nie einen Film über den Hijab habe drehen wollen. Erst nachdem sie die Reaktionen ihrer Familie über das Tragen des Hijabs erfahren habe, habe sie sich entschieden dies kinematographisch zu diskutieren. Interessant sei auch gewesen, dass die Mehrheit des Filmteams keinen muslimischen Hintergrund gehabt habe und die Familie das Team immer in ihre Diskussionen einbezogen habe.

© Leena Kwideer

Farhat betont, dass keine der Diskussionen im Film einem Skript gefolgt sei. Einzig die Fragen, die sie ihren Familienmitglieder zu Anfang stellten, seien vorher geplant gewesen um ein möglichst spannendes, kontroverses Gespräch zu generieren. In der gesamten Familie seien Basma und ihre Schwester die einzigen Frauen, die keinen Hijab trügen, weshalb es gewiss nicht schwer gewesen sei, ausschweifend über dieses Thema zu diskutieren.

© Leena Kwideer

Die Produzentin selbst wolle den Hijab nicht tragen, sei aber nicht gegen das Kopftuch per se. Für sie gäbe es andere, wichtigere Aspekte der Religion, auf die sie sich konzentrieren wolle. Hijab sei im Libanon vor allem abhängig von der jeweiligen Familie und habe weniger mit Stadtteil oder sozialem Status zu tun. Libanon sei dabei bezüglich unterschiedlicher Religionen ein vergleichsweise tolerantes Land. Freundschaften zwischen orthodox-religiösen Menschen und Atheisten seien im Libanon Gang und Gäbe.

© Leena Kwideer

Der Klassiker des arabischen Kinos Omar Gatlato mit Regisseur Merzak Allouache

Claudia Jubeh und Rabih El-Khoury begrüßten das Publikum gemeinsam zu Omar Gatlato, einem Klassiker des arabischen Kinos. Claudia Jubeh betonte, wie glücklich das Team sei, den Film nun endlich in seiner rekonstruierten Fassung in Berlin zeigen zu können. Regisseur Merzak Allouache, der der Filmvorführung beiwohnte, fügte hinzu, wie schön es sei, nahezu tot geglaubte Filme zurück zum Leben zu erwecken.

 „Omar Gatlato – it means virility, masculinity and machismo“ – Mit diesen eindringlichen Worten beginnt der Spielfilm aus dem Jahr 1976, der sich um das Leben des jungen Algeriers Omar dreht. Gemeinsam mit seiner Familie lebt der junge Mann in einem viel zu kleinen Apartment in der Hauptstadt Algiers. Omar strotzt nur vor Virilität – Gestik, Mimik und Habitus sind derart überzogen männlich, dass sich das Publikum das Lachen nicht verkneifen kann. Ein Kamm ist dabei Omars ständiger Wegbegleiter, um das Haar zu jeder Zeit in Form zu bringen. Auch Omars Sozialleben findet in einem genuin männlichen Raum statt. Frauen sieht man, so sie kein Teil der Familie sind, nur aus der Ferne. Omars große Leidenschaft gilt der Musik, sichtlich stolz ist er auf seinen Kassettenrekorder und eine kleine Auswahl verschiedener Kassetten, die er als seinen Schatz bezeichnet. Eine besondere Schwäche hat er für Bollywood Musik, die er sogar heimlich im Kino aufnimmt – „If I were a woman, I would cry when I hear it“ sagt Omar, als er von jener Musik schwärmt. Als ihm während eines Überfalls eines Tages sein Rekorder geklaut wird, ist Omar am Boden zerstört. Glücklicherweise besorgt ihm sein Freund Moh schon bald darauf ein neues Gerät mit einer geheimnisvollen Kassette. Auf dieser spricht eine ruhige Frauenstimme, die Omar gänzlich verzaubert. Als spreche sie direkt zu ihm, sehnt sich Omar danach, die Frau der Kassette persönlich kennenzulernen und sucht nach ihr. Nachdem er ihre Telefonnummer herausfindet und sich endlich mit ihr unterhält, führt er im wahrsten Sinne des Wortes einen Freudentanz auf. Als er jedoch die Chance hat, die Frau auf der Kassette kennenzulernen und sie nur wenige Meter entfernt ist, steht er sich selbst im Weg. Verunsichert von den Erwartungen an Männlichkeit und im Umgang mit Frauen, vermag es Omar nicht, Selma, die Frau der Kassette, anzusprechen.

Obwohl Omars Männlichkeit und die damit verbundenen Schwierigkeiten eines der Hauptthemen des Films zu sein scheinen, erzählt Regisseur Merzak Allouache in der anschließenden Q&A, dass dies nicht seine Intention gewesen sei. Allouaches Idee sei es gewesen, eine gewisse Generation einer Nachbarschaft in Algiers zu porträtieren. Sicherlich kann man hierbei ein Zitat Omars, gleich zu Beginn des Films, heranziehen: “Though based on reality, not based on reality”. Zwar handelt es sich bei dem Film um Fiktion, doch das Leben und die Probleme dieser jener Generation sind nicht völlig frei erfunden.

Da er selbst männlich sozialisiert worden sei und das Leben als Mann in Algerien kenne, sei es naheliegend gewesen, einen Mann als Protagonisten zu kreieren. Da Frauen und Männer in Algerien weitestgehend in getrennten Sphären lebten, habe Allouache es als schwer empfunden, die Perspektive einer Frau einzunehmen. Letztlich sei es ihm wichtig gewesen, die einfachen Dinge des Lebens eines Mannes zu zeigen und keine überaus verzwickte Geschichte um Omar zu schaffen. Nichtsdestotrotz zeige der Film natürlich, dass Omar, der symbolisch für den algerischen Mann stehe, in Algerien Schwierigkeiten habe, sich Frauen anzunähern. Diese sieht er meistens nur hinter Fenstern, wie die schöne Zheira, die er täglich beobachtet oder in Kassetten, wie Selma – Teil des Alltages seien sie aber nicht.

Der Film wurde viel in Algerien gezeigt, das erste Publikum sei dabei das Kulturministerium gewesen. Dieses habe den Film gelobt, da er endlich ein Film sei, der nicht von Krieg und Befreiung handle. Nicht verstanden habe das Ministerium den Namen Gatlato, was zu Deutsch „Sie haben ihn getötet“ bedeutet. Moniert habe das Ministerium außerdem das viele Bier, das im Film konsumiert werde.

Those Who Remain mit Regisseurin Eliane Raheb

 

Mit Those Who Remain wurde an diesem Freitagabend ein Dokumentarfilm der libanesischen Regisseurin Eliane Raheb gezeigt, der beim Publikum auf großen Anklang stoß. Mehrmals erfüllte ein schallendes Gelächter den Raum, wenn Bauer Haykal wieder einmal fluchte. Regisseurin Eliane Raheb und Rabih El-Khoury des ALFILM Festivals leiteten gemeinsam in die Filmvorstellung ein. Raheb freue sich, dem Festival beiwohnen zu können und sei gespannt auf Reaktionen des Publikums.

In ihrem Dokumentarfilm begleitet und porträtiert Raheb den Bauern und Restaurantbetreiber Haykal, der in einem abgelegenen Dorf im Norden Libanons, nur 10 Kilometer zur syrischen Grenze, lebt. Die Region liegt in den Bergen und ist, vor allem im Winter, nur schwer zugänglich. Sinnbildlich für die Abgeschiedenheit dieses Landstriches stehe, wie Haykal erklärt, der Name Al-Shambouk, der aus dem französischen Champs de Bouc, Feld der Ziegen, abgeleitet sei – denn nur Ziegen habe es hier früher gegeben.

Der immerzu Pfeife rauchende Haykal wird von der Dokumentarfilmerin in seinem Alltag begleitet, der vor allem aus der Bewirtschaftung seines Landes besteht – ob beim Sägen von Pfirsichbäumen, der Apfelernte, dem Ausbau seines Hauses oder dem Bewirten von Gästen. Wenn er nicht gerade zur Freude des Publikums wild um sich flucht, hat der doch herzliche Landwirt immer eine trockene Antwort auf Rahebs Fragen parat. Auch Haykal spüre die Ausmaße des Bürgerkrieges in Syrien, das von dem Berg, auf dem er wohnt, in Sichtweite ist. Haykal hadere vor allem mit den fallenden Preisen für Obst, das eine wichtige Einnahmequelle für ihn sei.

Neben seiner Arbeit lernt man Haykal allmählich persönlich kennen – hinter dem oft etwas schroff wirkenden Bauern verbirgt sich ein einsamer Mann. Haykal erzählt, dass er in einer Familie mit 8 Kindern aufgewachsen sei. Auf die Frage Rahebs, warum er Haykal (zu Deutsch Tempel) heiße, hat er prompt die passende Antwort parat: Alles was er in seinem täglichen Leben baue, ähnele einem Tempel. Eigentlich habe der Name aber einen christlich-maronitischen Ursprung, der auf Jesus Vorstellung im Tempel beruhe. Als Kind habe Haykal zunächst davon geträumt Tierarzt zu werden, später Pilot. Der Bürgerkrieg 1975 habe seine Träume allerdings konterkariert, das ganze Land, so Haykal, sei auseinandergebrochen. Sinniert Haykal über seine Vergangenheit und den Libanon, spürt man eine tiefsitzende Enttäuschung. An späterer Stelle hält Haykal fest, dass der Libanon sich immer im Krieg befunden habe, Frieden habe es nie wirklich gegeben.

Die wohl intimsten Einblicke erlaubt Haykal, wenn er von seiner Familie erzählt. Seine Frau Barbara habe ihn verlassen und sei mit den vier Kindern an einen unbekannten Ort verschwunden. Ihr habe dieses einfache Leben schlichtweg nicht gereicht, sie habe die Welt sehen wollen. Wäre er nicht so stark gewesen, erzählt Haykal rührend, wäre er daran gewiss zerbrochen. Die Kinder lebten mittlerweile verteilt im Libanon und in Deutschland und besuchten ihn ab und an. Die Hoffnung Haykals aber, dass Barbara und seine Kinder irgendwann doch wieder endgültig zu ihm zurückkehren, ist offensichtlich. Neben dem oft ungewollt witzigen, aber vor allem nach außen hin stark wirkenden Mann, ist Haykal also zugleich eine zutiefst verletzte und verlassene Person. Die wohl engste Bezugsperson ist Ruwaida, die ihn seit nunmehr 13 Jahren bei seiner Arbeit unterstützt. Auch Ruwaida ist ein einzigartiger Charakter, der dem Film zusätzlichen Charme verleiht. So habe sie Nägel auf die Straße geworfen, um den LKW-Fahrern, die durch den aufwirbelnden Staub ihre Apfelernte verdorben hätten, das Leben schwerer zu machen. Ruwaida schildert der Dokumentarfilmerin, dass sie Haykal wie einen Vater betrachte – er sei für sie da gewesen, als ihre Familie sie verstoßen habe. Das Verhältnis der beiden ist ein unterhaltsames Spektakel, geprägt von Zuneigung, wie von gegenseitigem Verfluchen. Doch sei insbesondere Ruwaida, so Haykal, das Herz und Leben dieses Ortes.

In der nach dem Film stattfindenden Q&A erzählt Raheb zunächst, wie sie auf die Idee des Filmes gekommen sei. Sie habe nach einem simplen Charakter gesucht, der aber doch in einen komplexeren Zusammenhang eingebettet war. Sie habe eine Auszeit gebraucht, um ihr persönliches Verhältnis mit dem Libanon zu überdenken. Haykal habe sie schließlich sehr an ihren eigenen Großvater erinnert, der als Landwirt im Süden Libanons gearbeitet habe. In gewisser Weise sei der Film laut Raheb auch ein Tribut an Menschen wie ihren Großvater und Haykal. Haykal selbst habe sie beim Wandern in den Bergen durch Zufall kennengelernt und habe in seinem Restaurant gegessen. Bevor sie aber mit dem Film begonnen habe, habe sie Haykal viele Male besucht und Recherche betrieben. Ziel sei es gewesen, dort nicht mehr als Fremde wahrgenommen zu werden, sondern Teil der Gemeinschaft zu sein, um einen möglichst authentischen Film drehen zu können. Einen Beitrag dazu habe auch die kleine Crew von nur 5 bis 6 Leuten geleistet, da Haykal das Team in seinem Handeln irgendwann nicht mehr wahrgenommen habe. Insgesamt sei der Film in 12 Tagen, über 3 Jahreszeiten hinweg gedreht worden.

Interessiert war das Publikum vor allem an Haykals Familie. Dennoch erzählt Raheb verständlicherweise nicht viel, da sie Haykal eine gewisse Diskretion schuldig sei. Barbara allerdings sei Deutsche, geboren im Libanon. Die Kinder besuchten ihn nur sehr spärlich und auch Raheb spüre Haykals Hoffnung, seine Frau und Kinder bald wieder auf seinem Hof begrüßen zu dürfen.

Haykal und das Dorf hätten sich sehr über den Film gefreut. Alle gemeinsam hätten sie eine Vorstellung in Haykals Restaurant organisiert. Sichtlich amüsiert war das Publikum, als Raheb verriet, dass Haykal am Silvester Abend 40 Leute in seinem Restaurant empfangen und als DJ für großartige Unterhaltung gesorgt habe.

Programmänderung

Der im Festival-Flyer und Arsenal-Programmheft angegebene Termin des Vortrags von Rasha Salti „Their Time Has Come: Representations of Masculinities in Arab Cinema“ musste leider geändert werden. Der Vortrag findet statt am Sonntag, den 15. April um 16.00 Uhr, wie im ALFILM-Katalog angegeben!

Eröffnungsfilm des Spotlights Reflections on Arab Masculinities

 

Am Donnerstag, den 12.04.18 lud das ALFILM Festival zur Eröffnung des diesjährigen SPOTLIGHT Programmes Reflections on Arab Masculinities ein. Die gut besuchte Veranstaltung wurde durch Programmleiterin Claudia Jubeh eröffnet. Die Idee, über arabische Männlichkeiten im Film zu reflektieren, habe schon seit geraumer Zeit bestanden. In deutschen Diskursen, die einen Blick auf Geschlechterverhältnisse in arabischen Ländern werfen, nehme zumeist die Frau eine exponierte Stellung ein. Wie aber konstruiert sich Maskulinität und vor welchen Problemen stehen Männer in der arabischen Welt?  ALFILM habe sich, so Claudia Jubeh, vor die Herausforderung gestellt, sich dem Thema arabischer Männlichkeiten aus einem kinematographischen Blick zu nähern und zu betrachten, wie verschiedene Regisseure Maskulinität wahrnehmen. Zur großen Freude des Publikums war der Regisseur Anthony Chidiac des Spotlight Eröffnungsfilms Room for a Man zur Filmvorführung und einer Q&A anwesend.

 

© Katja Volkenant

Chidiacs Room for a Man ist prädestiniert für das diesjährige Spotlight Programm. Der Dokumentarfilm des jungen Regisseurs ist das intime Selbstporträt eines jungen Mannes, der als gelesener Mann auf der Suche nach seiner individuellen, queeren Identität und seinem Platz in der Gesellschaft ist. Einen großen Raum in Chidiacs Leben nimmt, wie im Film deutlich wird, seine Mutter ein. Das Verhältnis zu der oft gouvernantenhaft anmutenden Frau wirkt ambivalent. Mal mehr, mal weniger klar bringt sie vor allem eines zum Ausdruck –  Anthony sei kein richtiger Mann. Um viril zu sein und von anderen gefürchtet zu werden, müsse er schon mit richtigen Männern Zeit verbringen.

Im weiteren Verlauf des Filmes interviewt Chidiac verschiedene Männer. Dabei wird vor allem eines ersichtlich – es gibt nicht den einen arabischen Mann, sondern vor allem verschiedene arabische Männlichkeiten, die durch unterschiedliche Geschichten geprägt wurden. So Anthonys Onkel, der seine Abneigung bezüglich Anthonys Homosexualität kundtut. Anthonys Familie sei, so der Onkel, durchzogen von wichtigen (männlichen) Persönlichkeiten. Anthony könne, im übertragenen Sinne, nicht verwelken und die Familienehre beschmutzen – schon gar nicht als letzter männlicher Nachkomme.

Indes halten sich während des Umbaus des Jugendzimmers Anthonys mehrere syrische Bauarbeiter in der Wohnung auf. In den Interviews dieser Bauarbeiter manifestieren sich abermals unterschiedliche Bilder von Männlichkeit. Die jungen Syrer erzählen von unterschiedlichen Träumen, Erwartungen an die Zukunft und die Schwierigkeiten, vor denen sie als Syrer im Libanon stehen. Zugleich zeigt sich aber auch, welche Rolle das Schwadronieren über die eigene Muskelkraft und Gewalt in der Konstruktion von Männlichkeit spielt.

Abschließend wendet sich Chidiac seinem Vater zu, der die meiste Zeit seines Lebens absent war. Der in Argentinien lebende Vater strahlt das Bild eines Lebemannes aus, von dem sein Sohn bitter enttäuscht zu sein scheint. Auch er teilt seinem Sohn implizit mit, dass er männlicher sein könnte, ihm mehr ähneln könnte, wäre er in dessen Leben präsenter gewesen.

Zwischen all diesen verschiedenen Männlichkeiten und einer starken Mutter versucht Chidiac letztlich seinen eigenen Platz zu finden. Er selbst scheint sich nicht als Mann zu identifizieren. Gleich zweimal bringt er im Film ausdrücklich zur Geltung, dass er weder ein Mann, noch eine Frau sei. Ob er seinen Platz im Libanon zu finden vermag, bezweifle er stark – mehrmals tritt der Wunsch zutage, das Land verlassen zu wollen.

In der anschließenden Q&A erzählte Anthony Chidiac zunächst über die Herangehensweise an dieses private Selbstporträt. Begonnen habe der Film damit, dass er den Alltag mit seiner Mutter gefilmt habe. Irgendwann habe er Bauarbeiten am Nachbargebäude beobachtet und sei deshalb auf die Idee gekommen, auch Bauarbeiter für seinen Film zu interviewen. Alle Szenen und Interviews des Films seien ohne Skript und vollkommen natürlich aufgenommen worden. Die Einbindung der Bauarbeiter sei schnell von statten gegangen, problematisch sei nur gewesen, sie nicht ständig von ihrer eigentlichen Arbeit abzuhalten. Chidiac habe die Möglichkeit gehabt, die wirklichen Charaktere hinter den starken Männern kennenzulernen und habe viele Parallelen zu sich selbst entdeckt. Demnach wollten alle den Libanon verlassen und möglichst in Europa Fuß fassen, alle verbärgen eine sensible, schwache Seite und fühlten sich verloren in der Gesellschaft. Eine kritische Anmerkung seitens des Publikums bezüglich der syrischen Bauarbeiter betraf die oftmalige Sexualisierung Geflüchteter im Kino generell. Chidiac allerdings widersprach dem und meinte, er habe versucht, ein Porträt der libanesischen Gesellschaft zu zeichnen, die ihn in seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgebe.

Auch die Annäherung an seinen Vater sei ungeplant geschehen. Anthony hätte nur sehr spärlichen Kontakt zu seinem Vater gehabt und habe Hilfe für eine spanische Übersetzung gebraucht. Erst auf diesem Weg sei der Vater in den Film gelangt. Insgesamt bezeichnete Chidiac seine Familie in der Q&A als Belastung – er fühle sich nur wenig verbunden zu ihnen. Jahrelang habe er auf Veränderung gehofft, doch lägen die Wurzeln dieser Werte zu tief, um daran zu rütteln.

Abschließend erklärte Chidiac das Zustandekommen des Voice Overs, dessen Idee erst in der Postproduktion aufgekommen sei. Er sei der Meinung gewesen, mit wenigen zusätzlichen Worten einige Gefühle noch deutlicher zum Ausdruck bringen zu können. Da er sich mit einer femininen Stimme als Mittel des Ausdrucks seines Charakters am wohlsten gefühlt habe, sei die Stimme einer guten Freundin des Regisseurs als Voice Over verwendet worden.

Der Film hatte nach Screenings in Montreal und Griechenland beim 9. ALFILM Festival seine Deutschlandpremiere – auch im Libanon soll der Film bald gezeigt werden.

 

 

 

 

 

 

ALFILM 2018 öffnet mit Beauty and the Dogs

Gestern fand die langersehnte Eröffnungsfeier des 9. ALFILM Festivals im Kino Arsenal statt. In ihren Begrüßungsworten betonte Arsenal Vorstand Birgit Kohler die über Jahre hinweg stets gelungene Zusammenarbeit mit dem ALFILM Team und lobte das Engagement und den Enthusiasmus rund um das Festival. Auch Fadi Abdelnour, künstlerischer Leiter des ALFILM Festivals, dankte dem Arsenal für die Kooperation – als Arabisches Filmfestival habe man sich in Berlin keinen besseren Spielort für den Eröffnungsfilm Beauty and the Dogs vorstellen können. Die Eröffnungsveranstaltung sowie das gesamte Festival hätten selbstverständlich nicht ohne die tatkräftige Unterstützung der Kooperationspartner und der vielen Helfer und Helferinnen gelingen können. Fadi Abdelnour bedankte sich herzlich bei allen für ihre engagierte Arbeit vor und während des Festivals. Nach den Begrüßungsworten und Danksagungen stellte Programmleiterin Claudia Jubeh das diesjährige Programm vor. Neben der Official Selection sind dieses Jahr das Spotlight zu Reflections on Arab Masculinities, wie auch das Special zu 70 Jahren Nakba bemerkenswert. Abschließend fand Rabih El-Khoury, der für das Programm des Festivals mitverantwortlich ist, einleitende Worte zum Eröffnungsfilm Beatuy and the Dogs der Regisseurin Kaouther Ben Hania, auf den das Publikum bereits gespannt wartete. Nach dem Film bestand außerdem die Möglichkeit einer Q&A mit der Hauptdarstellerin Mariam Al Ferjani, die dem Festival beiwohnen wird.

Der Spielfilm erzählt die Geschichte einer nächtlichen Odyssee der jungen Studentin Mariam, gespielt von Mariam Al Ferjani, im nachrevolutionären Tunesien. Voll Vorfreude bereitet sich Mariam mit einer Freundin auf eine Party vor. Auf den Toiletten des Nachtclubs treffen die jungen Frauen letzte Vorbereitungen, bevor sie sich unter die ausgelassen Feiernden mischen. Beim Gang zur Garderobe erblickt Mariam den attraktiven Youssef, der lässig an einer Wand lehnt und das Geschehen beobachtet. Gemeinsam mit ihm verlässt sie zu späterer Stunde die Feier, um an den Strand zu gehen. Die beiden werden nach kurzer Zeit von der Polizei aufgegriffen und voneinander getrennt – Mariam wird von zwei Polizisten in deren Wagen gezerrt und vergewaltigt. Die grauenvolle Tat ist allerdings erst der Beginn der nächtlichen Tortur, die Mariam noch bevorsteht. Im Krankenhaus angekommen, wird sie von Arzt zu Arzt geschickt und abgelehnt, da sie ein polizeiliches Dokument brauche, um untersucht zu werden. Von Angst erfüllt, muss Mariam zurück zur Polizei, um die Bescheinigung für eine ärztliche Untersuchung zu erhalten. Das ihr diese nicht einfach ausgehändigt wird, ist selbstredend. Als selbst eine Polizistin, die als Frau in einer Männer Domäne Mariams einzige Unterstützung zu sein scheint, ihr jegliche Hilfe verweigert, wirkt Mariams Situation vollkommen aussichtslos. Die Polizisten sind wie besessen, ihr eigenes Ansehen und die Integrität ihrer Institution zu sichern. Schließlich soll sogar Mariam diejenige sein, die ins Gefängnis muss. Ohnmächtig und gedemütigt fragt Mariam, was sie getan habe – warum gerade sie diese Tragödie erleben müsse. War die Vergewaltigung denn nicht genug? Schließlich stellt sich ein älterer, etwas schlaksig wirkender Polizist auf Mariams Seite und riskiert damit Kopf und Kragen. Durch seine Hilfe kann Mariam die Polizeistation nach einer dramatischen Nacht verlassen. Benommen und den Unglauben über das Passierte ins Gesicht geschrieben, verlässt Mariam das Polizeigebäude bevor der Film endet.

Die grauenvolle Tat, die im Mittelpunkt des Filmes steht, ist keine reine Fiktion. Wie Hauptdarstellerin Mariam Al Ferjani in der anschließenden Q&A erzählt, beruhe die Geschichte auf einer wahren Begebenheit in Tunesien aus dem Jahr 2012. Wie bereitet man sich nun auf eine solch emotionale und durchaus schwierige Aufgabe als Schauspielerin vor? Al Ferjani betonte mehrmals, dass sie die Orte kennen lernen habe müssen. Sie habe eine persönliche Beziehung zu den verschiedenen Drehorten aufgebaut und habe dort oft Stunden vorher verweilt, um sich emotional in die Szene versetzen zu können. Al Ferjani sei von der Regisseurin Kaouther Ben Hania bewusst für den Film auserkoren worden, da sie eine kongeniale Besetzung für den Film gewesen sei. Eine erste Herausforderung sei es gewesen, eine Protagonistin Mariam zu kreieren, mit der die Regisseurin, die Hauptdarstellerin, aber auch das tatsächliche Opfer der Vergewaltigung aus dem Jahr 2012 zu frieden waren. Al Ferjani habe die Frau vorher nie getroffen, da sie versucht habe eine eigene Persönlichkeit um den Charakter der Hauptfigur zu spinnen. Dabei habe sich Al Ferjani nichtsdestotrotz intensiv auf die Rolle vorbereitet und die wahren Begebenheiten und Akten des damaligen Falles studiert. Wichtig sei ihr insbesondere gewesen, eine kohärente Person zu schaffen, die sich durch den gesamten Film ziehe. Das Drehen und Zeigen von Vergewaltigungsszenen habe Al Ferjani aus ethischen Gründen und Respekt gegenüber dem Opfer von Anfang an abgelehnt.

Auch die Frau, die 2012 in Tunesien tatsächlich von zwei Polizisten vergewaltigt wurde und mittlerweile in Paris lebe, habe den Film drei Mal gesehen und sei, wie Al Ferjani selbst, sehr berührt gewesen. Was die damaligen Täter betreffe, seien diese damals nicht sofort verhaftet worden. Nach mehreren Jahren Prozess seien die Vergewaltiger schlussendlich aber zu einer jeweils 15 jährigen Haftstrafe verurteilt worden.

Der Film erfreue sich auch in Tunesien großer Beliebtheit und werde dort sogar im Rahmen einer Kampagne in Gefängnissen und Polizeischulen gezeigt. Leider kenne Al Ferjani die Reaktionen der Polizisten auf den Film nicht. Sicher sei sie sich aber darüber, dass der Film zum Nachdenken, vor allem über die Bedeutung der eigenen Autorität als Polizist, anrege. Sie betont, dass es gewiss schwierig sei, Gesetze zu ändern und Prozesse von einen auf den anderen Tag zu beschleunigen. Allerdings sei der Film ein wichtiger Schritt, das Thema öffentlich zu thematisieren und zu debattieren. Dabei sei das Kulturministerium der tunesischen Regierung, so Al Ferjani, überraschenderweise der wichtigste Geldgeber des Filmes gewesen. So etwas sei vor der Revolution nicht möglich gewesen, ein Wandel sei also sichtlich spürbar. Der Film erlange aber über Tunesien hinweg auch in anderen arabischen Ländern viel Aufmerksamkeit und werde unter anderem im Libanon, in Dubai, Marokko und Ägypten gezeigt.

Insgesamt war die Eröffnungsfeier des 9. ALFILM Festivals ein durchweg gelungener Abend. Der Eröffnungsfilm Beauty and the Dogs der Regisseurin Kaouther Ben Hania wurde durch die Anwesenheit der Hauptdarstellerin Mariam al-Ferjani abgerundet. Im Anschluss hatten die Gäste die Möglichkeit bei Getränken ins Gespräch zu kommen und sich über den Film auszutauschen.

ALFILM – 9. Arabisches Filmfestival Berlin

11. – 18. April 2018

Kino Arsenal, fsk, City Kino Wedding, Kino Wolf

  • Erste Filme der OFFICIAL SELECTION
  • SPOTLIGHT: Reflections on Arab Masculinities

Berlin, 12. März 2018 – ALFILM bietet in seiner 9. Ausgabe mit aktuellen Spiel- und Dokumentarfilmen in der OFFICIAL SELECTION erneut Einblicke in das Kino der arabischen Welt und der arabischen Diaspora – darunter Festivallieblinge, Deutschlandpremieren und aufregende Newcomer.

Die Nebenreihe SPOTLIGHT, die sich jährlich mit der RETROSPEKTIVE abwechselt, hat dieses Jahr das Thema „Reflections on Arab Masculinities“. Sie beschäftigt sich mit den sich wandelnden Konzepten und Fragestellungen von Männlichkeit im arabischen Film der 1970er bis heute. Eine Podiumsdiskussion sowie ein audiovisueller Vortrag bieten dazu vertiefte Einblicke in Thema und Filmgeschichte.

Die SPOTLIGHT-Reihe wird gefördert von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

 

OFFICIAL SELECTION – erste Highlights

 

Eröffnet wird das 9. ALFILM mit BEAUTY AND THE DOGS (Kaouther Ben Hania, Frankreich/ Tunesien/ Schweden/ Norwegen/ Libanon/ Schweiz/ Katar 2017). Mariam (Mariam Al Ferjani) feiert mit ihren Freunden auf einer Party, wo sie Youssef kennenlernt, mit dem sie die Feier verlässt. Es folgt eine Tour de force für die junge Frau, die um ihre Rechte und Würde kämpfen muss. Nach einer wahren Geschichte zeichnet der Film ein atmosphärisches Bild des nachrevolutionären Tunesiens, in dem die alten Machtstrukturen längst noch nicht überwunden sind, und Mariams Kampf zu einer weiblichen Selbstbehauptung gegen das System wird. Der Film wurde auf dem Filmfestival in Cannes 2017 uraufgeführt.

In Anwesenheit der Hauptdarstellerin, in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung

 

WAJIB (Annemarie Jacir, Palästina/ Frankreich/ Kolumbien/ Deutschland/ VAE/ Katar/ Norwegen 2017) Wajib – eine Verpflichtung – ist es, die Shadi (Saleh Bakri) aus Rom zurück in seine Heimat Nazareth führt. Dort steht die Heirat seiner Schwester Amal an, und Shadi muss gemäß der Tradition an der Seite seines Vaters Abu Shadi die Hochzeits-einladungen allen Gästen überreichen. En route brechen dabei alte persönliche und politische Konflikte zwischen beiden Männern auf. Humorvoll werden dabei die Eigenheiten dieses christlichen Milieus beleuchtet, wo über Familiengeheimnisse genauso gern geschwiegen wird wie über Politisches.

 

In MEIN PARADIES (Ekrem Heydo, Deutschland/Kurdistan-Syrien 2016) führt ein altes Klassenfoto Regisseur Heydo 25 Jahre später zurück in seine Heimat Serê Kaniyê (Ras el-Ain) im kurdischen Teil Nordsyriens. Das Foto bildet die multiethnische Gesellschaft aus Arabern, Kurden, Tschetschenen und Armeniern ab, die seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs in unterschiedliche ethnische und konfessionelle Lager gespalten ist. Nicht alle seine Klassenkameraden findet Ekrem Heydo wieder. Die Reise in die Vergangenheit wird zu einer Suche nach den Grundlagen des Zusammenlebens in einer politisch instabilen Region. In Anwesenheit des Regisseurs

 

Mit 17 (Widad Shafakoj, Jordanien 2017) präsentiert ALFILM eine Dokumentation, die das jordanische U-17 Frauenfußballteam während der Vorbereitung zur FIFA U-17 Frauenweltmeisterschaft in Jordanien 2016 begleitet. Die Spielerinnen mit unterschied-lichen sozialen und sportlichen Hintergründen stellen sich einer großen Herausforderung: Sie werden auf die weltbesten Teams ihrer Klasse treffen. Der Film ist eine sensible Hommage an die Willenskraft, die diese Mädchen in einem traditionellen Land für einen Sport aufbringen, der noch immer eine Männerdomäne ist.

 

SPOTLIGHT

Das diesjährige SPOTLIGHT wird eröffnet mit dem libanesischen Film ROOM FOR A MAN (Anthony Chidiac, Libanon/USA 2017). Aus einem barock dekorierten Zimmer richtet sich eine Kamera auf die Außenwelt. Sie wird zum Mittler und Komplizen des Filmemachers in dieser autobiographischen Exploration der Konzepte von Männlichkeit und Zugehörigkeit. Zwischen einer dominanten Mutter, einem abwesenden Vater und den syrischen Bau-arbeitern, die Anthonys Jugendzimmer renovieren, beginnt die Rekonstruktion einer queeren Identität zwischen Argentinien und dem Libanon. In Anwesenheit des Regisseurs

 

Einen Klassiker des arabischen Kinosstellt OMAR GATLATO (Merzak Allouache, Algerien 1976) dar. Männlichkeit und Machismo sind zentrale Elemente im Leben von Omar, der mit seiner Großfamilie in einem Apartment in Algier lebt. Großmäulig durchstreift er mit seinen Freunden die Straßen der Stadt und erlebt im Kino die Romantik-Phantasien des Bollywood-Films, doch seine wahre Leidenschaft ist die Musik. Echte Begegnungen mit dem anderen Geschlecht verunsichern ihn, bis ihn eines Tages die Stimme der geheimnisvollen Selma auf einer gebrauchten Kassette in den Bann schlägt. In Anwesenheit des Regisseurs

 

In dem Doublefeature MAJNOUNAK und CINEMA FOUAD stehen männliche Sexualität und Transsexualität im Mittelpunkt: In MAJNOUNAK: On Men, Sex and the City (Akram Zaatari, Libanon 1997/2016) bittet der Filmemacher 1997 verschiedene Männer entlang der Küste Beiruts, von einem spezifischen sexuellen Erlebnis ausführlich zu berichten. Die so entstandenen Portraits wurden 2016 neu arrangiert und technisch überarbeitet. CINEMA FOUAD (Mohammed Soueid, Libanon 1994) ist ein intimes Portrait des syrischen Transsexuellen Khaled El Kurdi, das einen Bogen von Alltagsszenen hin zu El Kurdis Arbeit als Tänzer in einem Beiruter Nachtclub und seiner Beteiligung als Kämpfer im libanesischen Bürgerkrieg schlägt.

 

Vortrag von Rasha Salti zum SPOTLIGHT „Reflections on Arab Masculinities“. Rasha Salti lebt als Kuratorin und Autorin zwischen Berlin und Beirut. Sie kuratierte internationale Ausstellungen und Filmreihen zu verschiedenen arabischen Kinematographien und Kunstrichtungen, und ist derzeit Redakteurin des Dokumentarfilmformats „La Lucarne“ bei Arte.

 

Podiumsdiskussion zum SPOTLIGHT „Reflections on Arab Masculinities. Gespräch mit den Filmgästen Merzak Allouache, Mohammad Hammad, Mohamed Soueid und Eliane Raheb

 

Die Spotlight Reihe wurde kuratiert von Claudia Jubeh.

 

Weitere Highlights:
Neben einem Special „70 Jahre Nakba“ mit einem Vortrag von Regisseur und Produzent Mohanad Yaqubi sowie Filmen von Mustafa Abu Ali, Mohamad Malas und Kamal Aljafari wird es drei verschiedene Kurzfilmreihen geben.

9. ALFILM Programmübersicht

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9 ALFILM Special: 70 Jahre Nakba

[vc_row row_type=”row” text_align=”left” css_animation=””][vc_column][portfolio_list type=”standard” columns=”4″ order_by=”title” order=”ASC” filter=”no” lightbox=”no” show_load_more=”no” category=”9-alfilm-specials”]Vor 70 Jahren wurden mehr als 700.000 PalästinenserInnen nach Gefechten und Massakern aus ihrer Heimat vertrieben, ihre Häuser zerstört und ihre Besitztümer enteignet. Eine Rückkehr oder Entschädigung wird ihnen bis heute verwehrt. So lebt heute ein Großteil des palästinensischen Volkes als Nachfahren dieser Vertriebenen in der Diaspora oder unter Besatzung — als Bürger 2. Klasse in Israel, in den Flüchtlingslagern der angrenzenden arabischen Länder oder verstreut über den Rest der Welt. Diese Katastrophe (arab. Nakba) hat bleibende Spuren im kulturellen Gedächtnis der arabischen Welt hinterlassen, die sich in der Filmproduktion palästinensischer Regisseure wie Mustafa Abu Ali seit den 1970er Jahren bis hin zu Elia Suleiman heute niederschlägt, aber auch in der Solidaritätsbewegung arabischer (u.a. Mohamad Malas) und europäischer (u.a. Jean-Luc Godard) Filmemacher zeigte. Die drei hier gezeigten Dokumentarfilme möchten eine historisch-künstlerische Einordnung bieten: vom Leben in den Flüchtlingslagern (The Dream), der Produktion von Widerstandsfilmen (Palestine in Sight) sowie palästinensischem Leben im israelischen Staatsgebiet (The Roof). Mohanad Yaqubi zeichnet in einem Vortrag das Verhältnis der Palästinenser zu ihrem Abbild nach, die Autorin Irit Neidhardt gibt Einblicke in die Film-Koproduktion zwischen der PLO und der DDR.

Darüber hinaus bietet die Official Selection mit Wajib (R: Annemarie Jacir) und den Kurzfilmen A Drowning Man (R: Mahdi Fleifel), Land of our Fathers (R: Ulaa Salim) und Bonboné (R: Rakan Mayasi) aktuelle Filme zum Thema sowie der Dokumentarfilm Saken (R: Sandra Madi) im Spotlight-Programm.[/vc_column][/vc_row]

9. ALFILM SPOTLIGHT: Reflections on Arab Masculinities

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Die Darstellung von Männlichkeit im Film ist neben ästhetischen und inhaltlichen Fragen stets an bestimmte gesellschaftliche Codes gebunden. Diese finden ihre Manifestation in der physischen und mentalen Überhöhung der Heldenfigur, die der filmischen Erzählung innewohnt. Auch das arabische Kino ist voll von diesen »Supermännern«, den zupackenden Gewerkschaftern, den galanten Männern von Welt und natürlich den schönen Prinzen, die ihre Jungfer in Not retten und schließlich in den Hafen der Ehe geleiten. Doch auch das arabische Kino hat seine ambivalenten Figuren, deren große Vorreiter stets die Komiker waren — unvergessen bleibt der große ägyptische Schauspieler Ismail Yassin mit seinen Grimassen, der in den 1950ern auch Transsexuelle spielte, oder der kleine Adel Imam, der nie zum glorreichen Helden taugte und doch die Herzen des Kinopublikums in der gesamten arabischen Welt seit den 1980ern eroberte.

Als exotisches Dekor im Hollywood-Kino der letzten Jahrzehnte jedoch wurde der arabische Mann zu einer zweifelhaften Figur. Er kam als edler Wilder oder eindimensionaler Terrorist auch auf deutsche Leinwände, als der er zunächst standardmäßig Misstrauen hervorrief. Begleitet wurde er vom Bild der unterdrückten Frau, das als ebenfalls orientalisierender Standard in Film, Literatur und öffentlichem Diskurs einen erheblichen Raum einnahm — so lange, bis arabische Frauen sich von diesem Diskurs nicht mehr repräsentiert, sondern diskriminiert fühlten, da die real existierenden sozialen Probleme auf ein geschlechtsspezifisches Missverhältnis reduziert wurden. In Deutschland hat vor allem die öffentliche Debatte um den Zuzug und die Integration von Geflüchteten neue Kontroversen eröffnet — der arabische Mann hat also ein Image-Problem.

Gleichzeitig befinden sich traditionelle Geschlechternormen und -rollen weltweit im Wandel — auch in der arabischen Welt, wie eine 2017 veröffentlichte repräsentative Studie der Organisationen UN Women und Promundo-US zeigt. Das Kino spielt in seiner regionalen Vielfalt eine wichtige Rolle, um diesen Wandel abzubilden und künstlerisch zu hinterfragen. Als Ausdruck der globalen Krise des modernen Mannes ist das arabische Kino nicht nur Spiegel, sondern vor allem Projektionsfläche der Fallstricke und Potentiale eines neuen Männerbildes.

Die Filmreihe »Reflections on Arab Masculinities« stellt eine Auswahl von 9 Spiel- und Dokumentarfilmen vor, die in verschiedenen Formen die sich wandelnden Geschlechternormen kritisch neu verhandeln und dabei Fragen nach Konzepten von Männlichkeit anhand zentraler Elemente des Rollenverständnisses stellen: der Erwerbsarbeit bzw. Fähigkeit zum materiellen Erhalt der Familie, der Sicherung des Lebensraumes als soziale und nationale Aufgabe sowie der Fähigkeit zur Reproduktion. Ausgehend von je aktuellen Debatten in der arabischen Welt um ökonomische und politische Teilhabe verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, Feminismus, Homosexualität und Selbstverwirklichung möchte die Filmreihe einen thematischen und geographischen Querschnitt dieser Debatten sowie deren Relevanz für den gesellschaftlichen Diskurs um Geschlechternormen darstellen.

Eine grundlegende Klammer bilden hier die beiden vorgestellten Spielfilme des algerischen Regisseurs Merzak Allouache: sein Omar Gatlato (1976) findet im Namensvetter in Madame Courage (2015) eine Art Wiedergänger, in der Maskulinität als Konzept in einer geschlechtergetrennten, sozial instabilen Gesellschaft zu einer leeren Haltung wird, die das jugendliche Individuum und die Gesellschaft zu zersetzen droht.

Eine unmögliche Mannwerdung im Ägypten der frühen Neunziger zwischen erwachender Sexualität, islamischem Fundamentalismus und einer korrupten Gesellschaft zeigt The Closed Doors, während The Last Friday die gesellschaftlichen Ansprüche an Männer als funktionierende Versorger auf lakonische Weise an einem gescheiterten Vater in Amman neu verhandelt.

Die Filme des Doublefeatures Majnounak und Cinema Fouad blicken zurück in den Libanon der 1990er Jahre, um männliche Sexualität, Begehren und Geschlechternormen dokumentarisch zu hinterfragen, während Room for a Man im Libanon des Heute mithilfe der Kamera eine queere Identität zwischen den Welten rekonstruiert.

Über Heldentum und Leiden erzählt der Dokumentarfilm Saken, von einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft zwischen einem gelähmten Widerstandskämpfer und seinem geduldigen Pfleger. Eine weibliche Perspektive auf eine von Männern bestimmte Gesellschaft und ihre Regeln dagegen nimmt Withered Green ein, dessen stoische Protagonistin an der Handlungsunfähigkeit der Männer zu scheitern droht, bis sie selbst die Zügel in die Hand nimmt.

Die gezeigten Filme bieten einen Einblick in das Thema, der durch Publikumsgespräche, eine Podiumsdiskussion mit den Filmemachern Merzak Allouache, Mohammad Hammad, Eliane Raheb und Mohamed Soueid sowie einen audiovisuellen Vortrag von Rasha Salti zu Geschichte und Motiven von Maskulinität im arabischen Kino weiter vertieft wird.

Die Spotlight Reihe wurde kuratiert von Claudia Jubeh und gefördert vom Berliner Senat für Kultur und Europa.

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9. ALFILM Official Selection

[vc_row row_type=”row” text_align=”left” css_animation=””][vc_column width=”1/2″][portfolio_list type=”standard” columns=”2″ order_by=”title” order=”ASC” filter=”no” lightbox=”no” show_load_more=”no” category=”9-alfilm-official-selection”][/vc_column][vc_column width=”1/2″][vc_column_text]Von Herausforderungen und Widerständen erzählen die Filme dieser 9. Festivalausgabe: von Frauen, die sich in Männerwelten behaupten müssen wie Mariam, die Hauptfigur des Eröffnungsfilms Beauty and the Dogs, oder die jugendlichen Fussballerinnen in 17; vom Erfindungsreichtum derjenigen, die ihre Träume trotz aller ökonomischen Widerstände verfolgen wie Bauer Haykal aus Those who Remain und seine Brüder im Geiste Hervé und Fouad aus Northern Wind; und letztlich auch von Krieg und Exil wie die syrischen Beiträge A Memory in Khaki, Mein Paradies und Taste of Cement, der Abschlussfilm des Festivals.

Es geht um die Suche nach einem Platz im Leben — einen Sinn aus den Ereignissen zu ziehen, sowohl in Ägypten (Happily Ever After) als auch im Libanon (I used to Sleep on the Rooftop). Wir lachen mit Menschen, die wieder zusammenfinden, wie die Nazarener Familie um Abu Shadi in Wajib und bangen mit den Liebenden in Volubilis, während wir die unwahrscheinliche Allianz Of Sheep and Men in Algerien entdecken.

Die drei Kurzfilmprogramme bieten in pointierter Form eine Dekonstruktion der Realität, Überraschendes aus dem wilden Libanon und Geschichten von unüberbrückbaren Entfernungen.

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9. ALFILM Festival Programm Ende März 2018

Ab dem 11. April ist es wieder so weit – das 9. ALFILM Festival zeigt im Kino Arsenal, City Kino Wedding, FSK Kino und Wolf Kino eine Woche lang aktuelle Filme aus der arabischen Welt. Mit einer Rekordanzahl von weit über 600 Beiträgen wurden in diesem Jahr mehr Filme als je zuvor eingereicht. Das genaue Programm des diesjährigen Festivals wird Ende März bekanntgegeben. Neben fiktionalen und Dokumentarfilmen lädt das Festival zu Gesprächen mit verschiedenen Künstlern und Künstlerinnen ein und wird von einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm begleitet.

Das vollständige Programm für das 9. ALFILM Festival ist ab Ende März 2018 zugänglich.

Specials

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